Jazz-Kalender
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Carsten Daerr Trio

Carsten Daerr Trio

Auf der Skala der zu erwartenden Richtgrößen der kommenden Klavierjahre steht der Berliner Pianist Carsten Daerr ganz weit oben. Seine Fähigkeit, ein hohes Maß musikalischer Abstraktion und Reflexion in seine Musik zu integrieren, ohne dabei deren Unmittelbarkeit zu verlieren, macht ihn nicht nur zu einem gefragten Solisten, sondern unterscheidet auch seine Kompositionen deutlich vom musikalischen Mainstream.

Flagge englisch Carsten Daerr Trio

Auf der Skala der zu erwartenden Richtgrößen der kommenden Klavierjahre steht der Berliner Pianist Carsten Daerr ganz weit oben. Seine Fähigkeit, ein hohes Maß musikalischer Abstraktion und Reflexion in seine Musik zu integrieren, ohne dabei deren Unmittelbarkeit zu verlieren, macht ihn nicht nur zu einem gefragten Solisten, sondern unterscheidet auch seine Kompositionen deutlich vom musikalischen Mainstream. Die Keimzelle von Carsten Daerrs Kreativität ist sein Trio mit Oliver Potratz am Bass und dem Schlagzeuger Eric Schaefer. Diesem Trio geht es um Kraftströme, vorsichtige Pulsierungen, aber auch herbe Eruptionen, die die Musik bestimmen. Energie!

Die Betonung liegt auf dem Wort "Trio". Dass es den Namen seines Pianisten trägt, entspringt lediglich einem im Jazz fest verankerten Reflex und hat rein gar nichts mit dessen vermeintlicher Dominanz zu tun. Denn sowohl Carsten Daerr wie auch Bassist Oliver Potratz und Schlagzeuger Eric Schaefer verstehen sich als gleich lange Seiten eines musikalischen Dreiecks, das so alt ist wie die Geschichte des Jazz, aber erstaunlicherweise immer wieder neue Varianten hervorbringt.

Daerr und Co. zählen eindeutig zu den Motoren dieser rasanten Entwicklung, nicht bloß in Deutschland, sondern mittlerweile auch in Europa. Sie schieben ihre Grenzen von Mal zu Mal weiter hinaus, nähren diese genuin amerikanische Kunstform über ihre eigenen Wurzeln und finden so zu einer aufregenden, höchst individuellen Sprache. Sie setzt sich aus den Klangforschungsaspekten der modernen E-Musik, klassischer Strenge, dem spielerischen Umgang mit Versatzstücken aus Standards, Pop sowie Film, privaten Eindrücken und der fast kindlichen Faszination von Geräuschen jeder Art zusammen. Oder um es auf einen einfachen Nenner zu bringen: Berliner Eigensinn sticht globalen Mainstream aus.

Auf diesem neuen Weg prasselten die Lorbeeren in den vergangenen Jahren nur so hernieder. Da war von einem "der spannendsten deutschen Klaviertrios" (Jazz thing) die Rede, während Daerr gar zum "Neo-Romantiker vom Schlag eines Brad Mehldau" (Stereoplay) oder "wichtigsten deutschen Jazzpianisten der jungen Generation" (arte) geadelt wurde. In der Tat machen es die drei definitiv anders als der Rest. Sie lassen die melodischen Betriebsamkeiten ähnlich erfolgverwöhnter Besetzungen außen vor und erfinden stattdessen ihren eigenen fluktuierenden Kosmos voller raffinierter Klänge und unerhörter Verbindungen. An Daerr, Potratz und Schaefer fasziniert vor allem diese erfrischend undogmatische Herangehensweise an das häufig verschmähte freie Spiel, das bislang immer ein wenig den Gifthauch der Kakophonie mit sich herumtrug. Sie verweigern sich beharrlich dem Diktat der altbackenen Freejazzregeln, wollen sich aber auch um keinen Preis der Welt als geklonte Standard-Swinger mit den musealen Versatzstücken des Great American Songbook im Gepäck durch ihre Karriere schlagen.

Ein Jahrzehnt gemeinsamer Erforschung von Klängen haben das kreative Resultat des Trios verdichtet und auf einen simplen Punkt gebracht. "Es geht um die Auslotung von Ideen und Strukturen", fasst Carsten Daerr den kollektiven Standpunkt zusammen. Möglichst wenig festlegen, nichts forcieren, der Fantasie Raum geben. Was keinesfalls ausschließt, dass im Kern des Triangels urplötzlich lustvoll abgegroovt oder melodietrunken drauflos geschwelgt wird. Daerr: "Eine bestimmte musikalische Philosophie als alleinige Basis, auf die alles aufbaut, würde mich zu sehr einengen. Musik entsteht dadurch, sich auf Vieles einzulassen. Mir sind Schubert, Hindemith, Messiaen und Feldman ebenso wichtig wie Sting, Radiohead und Aphex Twin. " Diese schillernde Vielfalt verfolgt die Band seit ihrem Debütalbum "PurpleCoolCarSleep" von 2003 und schreibt sich über "Bantha Food" von 2005 und "Insomniac Wonderworld" von 2007 (alle Traumton/Indigo) beharrlich fort. Eine Art von Strukturoffenheit, die ausgetretene Pfade verlässt und dem Urgedanken des Jazz, dieser freiesten aller Musikgattungen, erfreulich offen in die Karten spielt.

Während sich der waschechte Berliner Carsten Daerr mit seinen 33 Jahren und gemeinsamen Projekten mit Künstlern wie Kristina Tuomi, Michael Schiefel, Till Brönner, Christopher Dell, Christof Lauer, Nasheet Waits oder Bunky Green beharrlich die Fähigkeit des Staunens bewahrt hat und obendrein die seltene Gabe besitzt, zwischen den Zeilen sowie den 88 Tasten des Pianos zu spielen, agiert der strategisch denkende Tieftöner Oliver Potratz (geboren 1973 in Hamburg, arbeitete unter anderem mit Tomasz Stanko, Bobby McFerrin, Kalle Kalima) längst außerhalb der klassischen Fundamentsetzerrolle des Kontrabasses. Keine Frage, dass sich auch ein visionärer Drummer wie Eric Schaefer (geboren 1976 in Frankfurt am Main; Projekte mit [em, Johnny La Marama, Herb Robertson, Gebhard Ullmann, Christof Lauer oder Ulrike Haage) fernab jeglichen Rhythmisierzwangs bewegt. Mal klingt er mikroskopisch klein, dann wieder groß wie ein Wolkenkratzer, aber stets voll subtil differenzierter Reibungsmomente. Nichts scheint diesem im allerbesten Wortsinn gleichberechtigten Trio fremd, alles klingt irgendwie vertraut, bekannt und für den Hörer jederzeit nachvollziehbar. Ein belebendes Wechselbad aus Revolution und Zartheit, wüsten Befreiungsschlägen und sanfter Versöhnung. Ein in jeder Hinsicht lustvoll zu genießendes Abenteuer.